Teil 2.2: Lehren oder Erziehen?


Es gab einmal in unserer Gesellschaft eine Art unausgesprochene Übereinkunft und gesellschaftliche Übereinstimmung:
Wer Kinder zur Welt bringt erzieht sie auch in "stillschweigender Anerkennung" der bestehenden Sitten. Danach unterrichten (staatlich bestallte) Lehrer sie (in Schulen) oder im Privatunterricht.
Eigentlich sorgte niemand (außer sie selbst) dafür, dass Eltern die Kinder "ordentlich" erziehen. Gewöhnlich reichte das, was man selbst im Elternhaus an Erziehung mitbekam, dass man später den eigenen Nachwuchs erziehen konnte. Dies war - zumindest bei den meisten "Kulturvölker" - fast immer von religiösen Werten und Gesetzen geprägt.
Danach wusste man offenbar, dass das Verhalten der Erwachsenen dem Kind als primärer Erziehungseinfluss, als Vorbild und Muster dient. Man wusste offenbar auch, dass man als Erwachsener Kindern gegenüber stets erziehend wirkt.
Andererseits sorgten die staatlichen Behörden dafür, dass Lehrer neben ihren Fachgebieten eine wenigstens grundlegende pädagogische Ausbildung erhielten - zumindest jene Lehrer, die "Pflichtschulkinder" zu unterrichten hatten. Bei Lehrern in mittleren und höheren Schulen legte man primäres Augenmerk auf ihre fachliche Qualifikation und überließ die menschlichen Aspekte ihrem Gespür oder Geschick. Dies reichte nicht immer zum Wohl der ihnen Anvertrauten, doch das wertete man gewöhnlich als vom Schüler "selbst verschuldet".


Wie es scheint, funktionierte diese nirgends festgelegte Art Aufgabenteilung leidlich:
Eltern erziehen ihre Kinder in allen menschlichen und "kleineren" gesellschaftlichen Belangen, den sogenannten Sitten. Eigentlich geschieht das im Bestreben, die eigene Art auch in der geistigen Haltung fortzupflanzen.
Ausreichend erzogene junge Menschen werden dem Lehrer übergeben, um sie in allen darüber hinausgehenden Fach- und Kulturbereichen sowie den gesellschaftlichen Belangen zu unterrichten.
Selbst Waisenkinder (und solche in ähnlicher Lage, etwa Kinder von Eltern, die zur Erziehung nicht fähig waren) wurden von kirchlichen oder anderweitig wohltätigen Einrichtungen bis zur "Schulreife" und zum Schulabschluss in Heimen erzogen. Dass auch Kinder wohlhabender Eltern in den Genuss der Heimerziehung (- Pardon: Internatserziehung! -) kamen, ändert nichts am Prinzip: Die Aufgabenteilung von Erziehung und Unterricht blieb aufrecht.

Zeiten ändern sich?


Nein, nicht "die Zeiten" ändern sich (selbst). Alle gesellschaftlichen Änderungen werden von der Politik - und in diesem "Mantel" von Menschen gemacht. Erst in den jüngsten vielleicht fünfzig bis achtzig Jahren wurde ein grundlegender gesellschaftlicher Wandel durch die Politik - also von "gebildeten" Menschen - vollzogen. Welche Art Bildung haben sie wohl genossen? (Der Artikel "Bildung und Politik" behandelt die Frage "Macht Politik die Bildung die sie braucht?")
Im ziemlich gleichen Zeitraum häufen sich die Klagen der Lehrkräfte, dass sie, von Erziehungsaufgaben überlastet, ihren Unterrichtsaufgaben nicht mehr gerecht werden können. Und parallel dazu häufen sich Klagen von Eltern und Arbeitgebern, dass Jugendliche kaum mehr grundlegende Bildung erhalten haben.
Zur "Klärung" all dieser gesellschaftlichen Phänomene wurden neue "Wissenschaften" etabliert: Soziologie, Politik- und Erziehungswissenschaften, zum Beispiel. Auch die neuere wissenschaftliche Psychologie hat ihre eigentliche Domäne längst verlassen und trägt wesentlichen Anteil an den gesellschaftlichen Veränderungen. Konsequenter Weise kennt sie keinen Begriff für Geist oder Seele, obwohl sie diese im Namen trägt. Sie ist die einzige Wissenschaft, die selbst behauptet, dass jenes Faktum, dem sie ihren Namen verdankt, gar nicht existiert. Wie viel Nützlichkeit kann man einem solchen Fach zutrauen?

Neue Wissenschaften


Neue Disziplinen werden gewöhnlich "wissenschaftlich" auf Grundlage der "Freiheit von Wissenschaft und Lehre" als Werkzeuge begründet. Werkzeuge für wen? Heutzutage für den, der sie finanziert. Die Menschheit verdankt so ziemlich allen technologischen Fortschritt den alten etablierten Wissenschaften. (Sie wurden von der Allgemeinheit finanziert.) Verdankt sie den gesellschaftlichen Verfall den neu etablierten Wissenschaften?
Für diese neuen Bereichen liefert fast ausschließlich Ideologie die "Grundlagen". Die "objektive Forschung“ der alten Wissenschaften wurde in den neuen Wissenschaften durch "wertfreie Forschung“ ersetzt – konsequenter Weise sind sie zur Verbesserung der Umstände nicht mehr geeignet, sie dienen nur mehr zur Erklärung der herrschenden. Das Streben, die Wahrheit zu finden gilt als veraltet, es wurde durch (ideo-)logische Folgerungen ersetzt.
Schaut man die zeitgenössische "pädagogische" Entwicklung genauer an und untersucht man ihre Wurzeln, dann stößt man unweigerlich auf Zusammenhänge mit den politischen Gegebenheiten des 20. JH. In dieser Zeit wurde Pädagogik durch die sogenannten "Erziehungswissenschaften" ersetzt.
(Interessanter Weise findet man in der einschlägigen Literatur nirgends die Binsenweisheit, dass man als Erwachsener allein durch das eigene Verhalten auf Kinder und Jugendliche erziehend wirkt. Übersehen deshalb so viele moderne "Geisteswissenschaftler", wie sehr ihr eigenes Auftreten und ihre eigene Lebensführung die ihnen Anvertrauten prägt, weil eine Binsenweisheit als nicht wissenschaftlich gilt?)

Die Grundlagen unserer heutigen "Erziehungswissenschaften" gehen auf Ideologien des 20. JH zurück. An den späten Auswirkungen wird man die Zusammenhänge nur mehr schwer erkennen, weil beides - die Auswirkungen ebenso wie die Zusammenhänge, durch eben ihre geschichtlichen Entwicklungen so eng miteinander vermischt wurden, wie Kakao mit heißer Milch. Nur der Kundige erkennt die Zutaten in diesem neuen Getränk.
(Vergleichen Sie in diesem Zusammenhang bitte meine Broschüre "Spannungsfeld Schule"!)

Die Probleme unserer Zeit


Offenbar braucht unsere Gesellschaft mehr Kindertagesstätten, mehr Ganztagsschulen und mehr Kindergarten- und Hortplätze.
Zum einen deshalb, weil wir - in jüngster Zeit - ein großes Problem mit Migrantenfamilien hätten: Deren Kinder beherrschen die Unterrichtssprache nicht. Zum anderen deshalb, weil auch immer mehr "normale" Familien mit der Erziehung der Kinder überfordert seien. Insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass auch viel zu viele "normale" Familien ohne Berufstätigkeit beider Elternteile kaum über die Runden kommen.
Ist es nicht logisch, dass jeder, der irgendwie um sein Leben und Auskommen kämpft und davon mehr oder weniger ausgelastet ist, dann in "wissenschaftlich" begründeten Forderungen einen vernünftigen Weg mutmaßt? Ist es nicht eine Erleichterung des eigenen Loses, wenn die Allgemeinheit einem die Sorgen um das eigene Kind abnimmt?
Die Ursache der Probleme liege offensichtlich in den Familien der Kinder ... also müsse man Gesetze schaffen, dass solche Kinder möglichst früh (aus ihren Familien geholt und) in demokratischer Gesinnung "öffentlich" erzogen werden. (Diesen Kindern müsse unbedingt eine Chance auf Bildungserwerb verschafft werden.)
Warum klagen heutzutage immer mehr Lehrkräfte, dass sie, durch Erziehungsaufgaben überlastet, ihren Unterrichtsaufgaben nicht mehr gerecht werden können? Ist es da nicht "logisch", Lehrern das Studium der "Erziehungswissenschaften" zu verordnen, statt sie mit pädagogischen Grundlagen zu versorgen?
Solche Leistung können selbstverständlich nur akademisch gebildete Erzieher in Kindergarten und Schule erbringen. Deren Ausbildung stattet sie ja mit aller Ideologie aus, um Kinder "richtig" zu erziehen, so, wie deren Eltern es niemals fertig bringen könnten:
Wenn solche Logik dem Volk wissenschaftlich fundiert als "alternativlose Notwendigkeit" vorgesetzt wird, dann fügt es sich apathisch dem Zwang. Politik ist so dreist und bequem geworden, dass sie sich zusehends stärker auf "alternativlose Notwendigkeiten" beruft und zum Zwang als passendes Mittel greift.
Natürlich ist mir bewusst, dass, um solche Zusammenhänge zu erkennen, anderes erforderlich ist als bloß "gute Bildung" - nämlich Weitblick und freier Geist. Letzterer kann durch moderne "akademische Bildung" erst recht nicht geschaffen werden, weil dieser zeitgenössische Einfluss auf den Menschen seine "Bildung" an die Stelle des freien Geistes setzt.

Bildung statt Indoktrination!


Wahrhaft freier Geist kann aber solche Bildung überwinden - er muss sich keinem Diktat beugen. Jedoch:
Je intensiver moderne "Bildung" auf ihn einwirkt, desto schwächer wird er – insbesondere dann, wenn es ihm an Erziehung mangelt. Umso stärker muss er "von Haus aus" sein, um am Ende noch ein bisschen seiner Freiheit und Größe zu bewahren.
Bildung an sich ist absolut nichts Schlechtes, beileibe nicht! Ganz im Gegenteil: Bildung ist für den bewussten Menschen ein Werkzeug, eine Ressource, mit deren Hilfe er sein Leben und das seiner Geschwister (im weitesten Sinne!) verbessern kann. Entscheidend ist hier, was als "Bildung" verstanden und geboten wird.

Bildung (im Sinne der neuen Lernkultur) wird wesentlich dazu beitragen, dass die Pseudo-Wissenschaften das falsche Spiel der Pseudo-Politik gegen die Interessen des Volkes verlieren und wahre Menschlichkeit die Herrschaft antreten wird.
Neue Lernkultur wurde auch dafür konzipiert.
Eine neue Lernkultur wird jedem Heranwachsenden früh genug bewusst machen müssen, was seine unveräußerlichen Geburtsrechte sind und worin seine wahren Stärken liegen; wie er seine Rechte wahrt und seine Stärken zur Entfaltung und zum Einsatz bringt. Zu diesem Zweck wurde sie konzipiert.