Teil 1.1: Abgrenzung der Begriffe


Warum das denn, fragen Sie sich?
Wir leben in einer Zeit, da Wissenschaft ungemein hohen Wert hat und all zu oft den Anspruch erhebt, den Menschen eines Besseren zu belehren. Es ist, als gäbe es nur eine Wahrheit, die alles andere regiert, und diese eine Wahrheit wird von der Wissenschaft verkündet. Nicht, dass ich Wissenschaft gering schätzten - aber mit der Idee von der absoluten Wahrheit kann ich mich partout nicht anfreunden - und dies vor allem nicht im Bereich der Pädagogik.
Die wohl am weitesten gediehene Wissenschaft scheint mir heute die Physik - zumindest in einigen Bereichen - zu sein. Dem gegenüber scheinen mir am wenigsten fundiert die sogenannten Geisteswissenschaften zu sein. Doch gerade in diesem Bereich gibt es offenbar die meisten "Wahrheiten", die auf nichts anderes als autoritäre Meinung gründen. (Vielleicht interessiert Sie in diesem Zusammenhang mein Artikel zum Thema "Geist"? Lesen Sie hier: Eine Geschichte des menschlichen Geistes)
Pädagogik ging in unserer Zeit praktisch verloren, sie wird weder gelehrt noch praktiziert. Doch setzt man heute alles dran, Lehrpersonal vom Kindergarten bis zu den Pflichtschulen in sogenannten pädagogischen Hochschulen bilden zu lassen. Man setzt wohl voraus, dass an solcher Art Hoher Schule die Wahrheit "und nichts als die Wahrheit" über Kindesführung unterrichtet würde.


Doch "Pädagogische Hochschule" lehren keine Pädagogik, sondern unterrichten "Erziehungswissenschaften". Irgendwie wurde in den letzten Jahrzehnten alles neu geregelt und neu definiert. Und ganz nebenbei fand unbemerkt auch ein Wandel der Sprache statt. Ganz anders, als sonst von der Menschheit praktiziert, ergibt sich dieser Wandel nicht aus dem Alltag der Menschen (Sprache lebt bekanntlich!), sondern von wird anonymen - aber mächtigen - Kräften forciert.
(Soll man etwa wirklich glauben, dass "das Volk" im Alltag von "Bürgerinnen und Bürgern", von "Ministerinnen und Ministern" oder oder "Fußgängerinnen und Fußgängern" reden wollte?)
Weil gerade von solchen Kräften forcierte Wörter (meist ohne Begriff) von den Massenmedien gerne aufgegriffen werden (die sich so als willfährige Handlanger erweisen und andienen), finden sie bald Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch. (George Orwells in "1984" postuliertes "newspeak" weiterentwickelt zu "Neusprech 2.0"?)
Welcher Mensch wollte sich schon gern im Alltag als altmodisch erweisen, dass er nicht auf der Höhe der Zeit spricht? Oder, schlimmer noch, sich als unwissend bloßstellt, wenn er nach der Bedeutung solch neuer Wörter fragt? Wurde uns nicht schon in der eigenen Schulzeit gründlich abgewöhnt, solche Fragen zu stellen?
Wenn ich also mein pädagogisches Manifest zur Überlegung anbiete, dann sollte ich besser alles daransetzen, dass Sie, geneigter Leser, wissen, was ich mit den Wörtern meine, die in jüngerer Zeit in Stillen "umgewidmet" wurden.

Zentralbegriff Kultur


Die Zentralbegriffe meines Manifest sind "Kultur" und "Pädagogik". Aus diesem Grund will ich zuerst klarstellen, was ich mit "Kultur" - sowohl im Begriff "neue Lernkultur" als auch "pädagogische Kultur" meine.
Das Wort "Kultur" hat seinen Ursprung im alt-lateinischen Wort für Ackerbau, "cultura", bzw. dessen Ursprungswort, "colere", womit man "(etwas) bebauen, bewohnen, pflegen" meinte. Im Ackerbau bebaut und pflegt man den Boden, damit er von Pflanzen, die man (der Mensch) zum Leben braucht, "bewohnt" werde. Man pflegt und bebaut den Acker, damit er Früchte trägt. Man pflegt den Ort, den man bewohnt und man pflegt einfach alles, was man wertschätzt - und das ist Kultur.
Wir können nicht nur an diesem Beispiel deutlich sehen, dass die Menschen bei der Bildung ihrer Wörter immer einen sehr realen Bezug zum Leben hatten. Kultur hat also von Ursprung des Wortes her sehr viel mit Leben und mit Wertschätzung zu tun. Was man wertschätzt, was einem wichtig ist, und von dem weiß, dass es das Leben fördert, pflegt man, um es zu erhalten und zu mehren - das ist Kultur.
Der Begriff, den man mit diesem Wort verbindet, kann also ohne Bezug zum Leben, zur Wertschätzung und Pflege nicht vollwertig sein. Würde man unter Kultur nur die "schönen Künste" verstehen, dann hätte man einen Begriff, der nichts von dem umfasst, was ich mit "Lernkultur" und "pädagogischer Kultur" meine.
Unter Kultur verstehe ich die Gesamtheit der geistig-schöpferischen Werte der Menscheit, die in Untergruppen philosophischer, religiöser, musischer, nationaler, rassischer, politischer oder kommunaler Gemeinsamkeiten in Erscheinung treten. Ihr Anliegen ist die Wahrung und Förderung all dessen, was die Menschen hoch schätzen und der Pflege wert finden. "Wahrung" schließt natürlich den Erhalt der kulturellen Erzeugnisse ein.

Lernkultur


Unter Lernkultur verstehe ich sowohl "eine Kultur des Lernens" als auch eine "lernende Kultur" im oben dargelegten Sinn.
Eine Kultur des Lernens wird also pflegen (schützen, bewahren, bebauen), was im Lernen gute Früchte trägt und das Leben fördert - wobei sich Leben eigentlich auf "alles Leben" bezieht.
Sinngemäß wird eine lernende Kultur nur das pflegen (schützen, bewahren, bebauen - also zum Wachsen bringen), was sich als fruchtbar und für das Leben förderlich erwiesen hat. So wie der Landwirt seinen bebauten Acker durch Pflege von Unkraut und Schädlingen frei hält, sorgt eine lernende Kultur dafür, dass nichts (dem Leben oder der Kultur) Schädliches gepflegt wird.
Für eine pädagogische Kultur gilt all das zur Kultur im Allgemeinen und zu Lernkultur im Besonderen Gesagte im Hinblick auf Pädagogik: Nur als fruchtbar erwiesene Pädagogik wird geschätzt, bewahrt, geschützt und gepflegt. Sie wird angewandt, damit sie gute Früchte hervorbringe und das Leben fördere. Das Leben fördern kann natürlich keine Ausnahmen zulassen - eine pädagogische Kultur fördert sowohl das Leben des Kindes wie das des Pädagogen und aller, die mit beiden in lebendiger Beziehung verbunden sind.
(Geschichtlich gesehen war ein Pädagoge bei den alten Griechen in der Regel ein Sklave, der nur zum Zweck der "Knabenführung" gehalten worden ist. Manchmal kann man den Eindruck bekommen, dass das Einzige, was dem Pädagogen in unsere Zeit herüber gerettet worden ist, ein mehr oder weniger stark der Neuzeit angepasstes Sklaventum wäre.)

Erziehung aus Sicht der neuen Lernkultur


Erziehung ist die Methode des Menschen, die im Lauf des Lebens gewonnene Erfahrung an den Nachwuchs weiterzugeben, um die erworbene Kultur zu bewahren. Erziehung wird gewöhnlich über Vorbild und Belehrung durch Nachahmung bewirkt.
Sie ist Privileg der Eltern, die eigene Lebensart im Nachwuchs zu erhalten. Sie kann daher nach dem Willen der Eltern religiös, ideologisch, politisch, wirtschaftlich oder gesellschaftlich bestimmt und prägend sein.
Sprachlich gesehen ist das Wort aus den Begriffen "heraus, empor" in der Vorsilbe "er-", und dem Verb "ziehen" mit der Bedeutung "Kraftaufwendung zum Ziehenden hin oder hinter dem Ziehenden her" gebildet.
"Heraus und empor" kann nur gezogen werden, was als Anlage grundsätzlich vorhanden ist. Wer erziehen will, sollte also eine sehr klare Vorstellung dessen haben, was er erzieht und welche Anlagen hervorgebracht werden sollen. Wer "gut erziehen" will, kann nur an seinem Ethos und seiner eigenen Lebensart arbeiten, um seinen bestmöglichen Einfluss am Kind geltend zu machen.
Erziehung richtet sich demnach an die Anlagen des Kindes und endet am Standort des Erziehenden: Niemand kann jemanden über den selbst in der Kultur erreichten Standpunkt hinaus erziehen oder etwas erziehen, was nicht als Anlage vorhanden ist.
Erziehung kann als Gegenstand nicht erlernt werden - man erzieht, sobald man in Gegenwart eines Kindes den Geschäften des Lebens nachgeht. Ausnahmslos jeder, der mit einem Kind zu tun hat, wirkt an der Erziehung dieses Kind mit.
Ich erinnere mich recht gut an "Erziehungsratgeber" noch aus dem 20. Jahrhundert, die ich in jüngeren Jahren gelesen habe. Der wohl markanteste Fehler der Kinder jener Zeit dürfte ihre "Bockigkeit" gewesen sein. Man müsse den Willen solch bockigen Kinder brechen, hieß es. Keiner jener "Experten" hat es der Mühe wert gefunden, nach dem Hintergrund ihrer Bockigkeit zu forschen, schließlich wusste der Experte ja schon im Voraus, dass nur böse Kinder bockig wären.
Das Wohl des Kindes stand auf der Werteskala also eindeutig tiefer als ein "respektvolles" Glied einer Herde, das einfach keine Widerrede und vor allem keinen eigenen Willen kennt und willfährig agiert.
Mir fällt es schwer, im Träger solchen Gedankenguts den "Erzieher" zu erkennen. Viel eher würde ich einen Despoten, Tyrannen oder bestenfalls, einen "Pseodo-Dompteur" vermuten, den rohe Gewalt erfeut. Und ich bin ziemlich sicher, dass ein so Agierender keine Ahnung davon hat, was er da eigentlich dressieren will. Denn ein guter Dompteur zeichnet sich dadurch aus, dass er das Wesen der Tiere, die er dressiert, sehr gut kennt und versteht.
Ein Erzieher muss meines Erachtens also eine sehr klares Vorstellung dessen haben, "was" er erziehen will - und das heißt in der Praxis, dass sein Menschenbild vor allem menschenfreundlich sein muss. Wer dem Kind, dem Menschen nicht wohl gesonnen sein kann, dürfte niemals "hauptamtlicher Erzieher" sein, dafür wird eine neue Lernkultur sorgen müssen.

Das bringt mich zur Definition des zweiten, für eine neue Lernkultur wesentlichen Begriffes:

Pädagogik aus Sicht der neuen Lernkultur


Pädagogik ist das Wissen um die Kunst, junge Menschen zu führen, um sie zum Erkennen, Entwickeln und Üben ihrer besten Anlagen zu interessieren und darin zu fördern.
Erst die profunde Anwendung der so geförderten Anlagen ermöglicht es dem Individuum, von der erworbenen Kultur aufbauend weiterführende, höhere Kultur zu entwickeln.
Sprachlich betrachtet ist das Wort aus den altgriechischen Begriffen "das Kind, der Knabe" in Form des Substantivs "paidos", und "führen" im Verb "agein" sowie der Nachsilbe "ik(e)" (Wissen um das Wirken von ...) zur Bezeichnung eines Wissensgebietes oder einer Kunst (die ja auch ein Wissensgebiet gepaart mit Fertigkeiten ist,) gebildet.
Wir finden die Nachsilbe -ik in vielen Wörtern, die solche Gebiete bezeichnen: In der Physik zum Beispiel geht es um die Kräfte der (unbelebten) Natur, (altgriechisch "physis"), im weitesten Sinn. Akustik, Musik, Rhetorik, Motorik und ja, auch Politik u.v.a.m. - nutzen die Bedeutung dieser Silbe.
In all diesen Begriffen geht es um besondere Wirkungen: In der Akustik geht es um die Wirkung der Raumgestaltung auf den Schall, in der Musik geht es sowohl um die Wirkung von Melodien auf das Gemüt als auch darum, bestimmte Wirkungen im Menschen durch Melodien und Klänge (z.B. von Instrumenten) zu schaffen. In der Pädagogik geht es um das Einwirken des Pädagogen auf das geführte Kind und um das Wissen, welche Wirkung im Kind erzielt wird.
Der Begriff "führen" schließt in sich ein, dass etwas Bekanntes (hier ein Mensch) an ein bekanntes Ziel geführt wird. Und mit einem bekannten Ziel ist untrennbar das Wissen um den Weg dorthin verbunden.
Große Pädagogen der Vergangenheit wussten sehr wohl um diese Zusammenhänge, und die meisten haben redlich versucht, ihr Wissen und ihre Erfahrung der Nachwelt zu vermitteln. Studiert wird heutzutage keines dieser Werke ... man studiert, was irgend ein nachkommender Gelehrter über das Leben und Werk dieser Menschen zu sagen hatte. Als moderner Pädagoge sollte man zumindest in groben Zügen wissen, wann die besprochene Person gelebt hat und wie sein wichtigstes Werk betitelt war.
Weder davon, welches Menschenbild die gerade besprochene Person hatte noch davon, was sie über das Kind und seine Führung zu sagen hatte, erfahren Absolventen einer "pädagogischen Hochschule". Es gibt auch kein klares Bild, was ein Pädagoge im Menschenkind sehen, wie er sich ihm nähern und es führen sollte. Warum? Weil "wissenschaftlich betrachtet" so ein Kind eben als höher entwickelter Primat gesehen wird.
Heutige Pädagogik-Studenten haben sich viel mehr mit Soziologie und einem Gebiet, das sich völlig zu Unrecht als Psychologie bezeichnet, herum zu schlagen. Insgesamt heißt es jetzt, man werde durch Studium der "Erziehungswissenschaften" zum Pädagogen, und so wundert es nicht, dass darin so manches Wissen aus der Tierbeobachtung Einzug gefunden hat und als "Stand der Wissenschaft" gilt. Als gäbe es einen Mangel an Kindern, die man mit offenen Augen und wachsamem Sinn beobachten könnte.

Im nächsten Abschnitt werde ich weitere Begriffe erörtern, die im Zusammenhang mit Bildung, deren sich junge Menschen in einer Ära der neuen Lernkultur befleißigen werden:
Studieren und lernen, und damit im Zusammenhang stehend, unterricht(en) und lehren.