Es war einmal ... Pädagogik


Geschichtlich gesehen behandelt Pädagogik ("die Kunst der Kindes-Führung") Methoden und Techniken, das Kind möglichst effizient "zu bilden", das heißt im Klartext: ihm "Form zu geben" (die ihm ja als von Geburt an sündiges Wesen fehlt?).
(Ab ca. 16.Jh. ist die Pädagogik eigentlich nur von der christlichen Kirche systematisch eingesetzt worden, und spielt in der Lehrerbildung der Neuzeit fast keine Rolle mehr. Sie wurde durch die "Erziehungswissenschaft" und psychologische sowie soziologische Ele­men­te ersetzt.)
Eine moderne Pädagogik gibt es nur mehr in Randgebieten. In den Erziehungs­wissenschaften geht es nicht mehr um Erziehung zur "Gott-gefälligen Lebensführung", sondern darum, ein "nützliches Glied der Gesellschaft" heranzubilden. Um dies zu erreichen, gilt es das Kind so beschäftigt zu halten, dass es sich dieser Formgebung nicht widersetzt, sondern willig mitmacht und nach Möglichkeit dazu beiträgt.


Meine Erfahrung mit Pädagogik


Schon allein aufgrund meines Selbstverständnisses konnte ich diese Vorstellung nicht teilen. Mein ganzes Schülerleben hatte ich nur Dinge wirklich gelernt, die mein Interesse hatten, und deren Nutzen ich für mich oder meine Lebensführung erkennen konnte. Ich hatte be­trächt­liche Geschicklichkeit darin erworben, den Anschein zu erwecken, Dinge "gelernt" zu haben, die mir keinen Pfifferling wert waren.
Und ich hatte ausreichend viele Beobachtungen anderer Schüler, um daraus zu schließen, dass mein Interesse am Lernen sich in Nichts von den Interessen der anderen unter­schied. Am meisten wunderte ich mich über jene meiner Mitschüler, die ihre eigenen Interessen zugunsten des Wohlwollens von Lehrern oder Eltern verleugneten und sich deren Interessen zu eigen machten.
Noch ein Aspekt spielte eine große Rolle im Lauf meines Schülerlebens, allerdings kann ich dies erst rückblickend artikulieren:
Als Kind war ich oft Zeuge (und auch Ziel) von "Zurechtweisungen" von Kindern, die Regeln nicht achteten oder sich irgendwie rücksichtslos oder gewalttätig benommen hatten. Immer hatte ich Schwierigkeiten, beide Seiten zu verstehen:
Das Kind, das eine sinnvolle Regel brach oder sich mit Gewalt etwas aneignete verstand ich genau so wenig, wie den Erwachsenen, der kindlicher Gewalt mit der Gewalt des Erwachsenen begegnete - natürlich nur zum Wohl des Kindes, versteht sich. Rück­blickend erkenne ich mein Unverständnis darin, dass ich mich selbst immer als irgendwie "über der Gewalt stehend" verstanden und Gewaltanwendung als "unter meiner Würde" empfunden hatte.
Warum um alles in der Welt meinen Erwachsene, dass ein Kind durch Zwang und Schmerz zum Besseren bekehrt werden könnte? Zwang und Schmerz sind doch Unerwünschtes - wie sollte dies Erwünschtes fördern, fragte ich mich. So stellt man doch nur Schmerz oder Verzicht zur Wahl, aber nichts Gutes.
Es bedeutete also, dass sich für "das Gute zu entscheiden" das kleinere Übel ist - aber eben ein Übel. Wie kann etwas das "Gute" sein, wenn es bloß weniger Schmerz aber keine Freude bringt?
Natürlich verstand ich, dass Strafe Teil der Regeln war, den Sinn solcher Regeln konnte ich aber nicht verstehen. Ich meinte immer, mir müsse niemand sagen, was "gut" sei, denn ich fühlte es selbst. Aber bei vielem, was mir als "gut" beigebracht werden sollte, konnte ich dies nicht fühlen. Genau so wenig konnte ich bei vielem, was mir als "schlecht" oder gar "böse" untersagt war, selbst fühlen, dass es schlecht wäre. So habe ich oft Strafen dafür eingehandelt, dass ich nach meinen Regeln gelebt habe.

Irrwege der Pädagogik


Erst das Studium der Wurzeln der Pädagogik und ihrer modernen Spielarten öffnete mir den Blick auf ihre fundamentalen Irrtümer. Damit begann ich, anfangs nur schemenhaft, im Lauf der Zeit aber stetig klarer und deutlicher einen Weg zu erkennen, der aus diesem Teufelskreis herausführen kann.
Pädagogik - wie jede andere Kunst! - versagt, wenn sie von falschen Annahmen ausgeht und falsche Ziele anstrebt. Für mich war klar geworden:
Der Ausgangspunkt der überlieferten (christlichen) Pädagogik (der Mensch wird sündig geboren) ebenso wie jener der modernen Pädagogik (der Mensch ist ein selbstsüchtiges Säugetier) ist falsche Annahme. Für mich war sowohl aus eigenem Erleben als auch aus intensiven Studien zweifelsfrei erwiesen:
Der Mensch ist im Grunde gut und er will nur das Gute. Erst ein "verbogenes" Denken lässt ihn Schlechtes als Gutes betrachten (und umgekehrt), und dem entsprechend handeln.
Auch die Endpunkte ("Ziele") fast aller Spielarten heutiger Pädagogik sind falsch gewählt. Dabei ist es egal, ob das Ziel eine "Gott-gefällige Lebensführung" oder ein "nützliches Glied der Gesellschaft" ist, denn beides kann nur ein Ziel sein, wenn es nicht schon von vornherein erfüllt ist. Beide Ziele setzen voraus, dass sie ohne das Wirken der Pädagogik nicht erreicht würden. Und beide Ziele unterdrücken das individuelle Ziel des so erzogenen Kindes.

Der neue Weg


Eine neue Lernkultur braucht also sowohl einen neuen Ausgangspunkt als auch eine neue Zielsetzung.
Der neuen Ausgangspunkt war für mich insofern leicht definierbar, als ich es unmöglich fand, durch Erziehung etwas "Gutes" zu erreichen, was nicht von vornherein als Anlage vorhanden ist. Das schien mir genau so unmöglich, wie einem Hund das Singen beizubringen - was nicht als Anlage da ist, kann durch nichts entwickelt werden.
Also muss jemand, der sich als Pädagoge versteht und als solcher wirken will, auf einem "guten" Menschenbild aufbauen: Er sieht im Menschenkind ein würdevolles Wesen, das in keiner Weise "geringer" ist als er selbst und welches sich seiner verantwortungsvollen Führung anver­traut (aber nicht darauf angewiesen) ist.
Er muss sein Tätigkeit auch als "Kunsthandwerk" verstehen und ausführen, und mit entsprechender Behutsamkeit vorgehen.
Als Pädagoge ist er kein Lehrer, obwohl natürlich jeder Lehrer auch (und zuerst) Pädagoge sein sollte. Sein Tätigkeitsfeld ist das lebendige Geschöpf mit unermesslichen Fähigkeiten, kein noch so "wichtiges Lehrfach" darf ihm wichtiger erscheinen als der Mensch, den es zu führen gilt - das gilt natürlich auch für ganze Kindergruppen in der Obhut eines Pädagogen.