Lernkultur statt Erziehungswissenschaft


Bis vor ca. 100 Jahren ging man davon aus, dass unsere Kultur in den überlieferten Werten besteht, und dass alles Neue an diesen überlieferten Werten zu messen sei.
Diese Auffassung kann ich völlig verstehen, wenn man davon ausgeht, dass es um "absolute" Werte ginge, wie es etwa über fast zwei Jahrtausende mit der Bibel gehalten wurde. Sie gilt als Gottes Wort und somit als zeitlos, also ewig, gültig.
Seit wir in demokratischen Gemeinschaften (bzw. Staaten) leben, wurde vieles verändert. In modernen Staatsgebilden, deren Bevölkerungen aus verschiedenen Kulturbereichen (mit meist religiösen Wurzeln) stammt, gelten neue Werte. So bringt zum Beispiel die strenge Trennung von Kirche und Staat mit sich, dass die Bibel eben nicht den gleichen Wert für alle Staatsbürger haben kann.
Diese offensichtlichen Aspekte sind nur der Einstieg in ein neues Kulturverständnis. Wissenschaft und Technik haben - wenn auch wenig mit Religion vergleichbar, - einen bedeutenden Einfluss auf die gesellschaftliche Realität, der sich in veränderten Wertesystemen niederschlägt.


Wertesystem der Lernkultur


Das Wertesystem einer Gesellschaft gewissermaßen "dem freien Markt" zu überlassen, finde ich so unangemessen, wie religiöse Werte der Öffentlichkeit aufzuerlegen, aber viel gefährlicher.
Das wohl abschreckendste Beispiel, wohin ein "freier Markt" führen kann, erleben wir in unserer Zeit mit den Finanzmärkten: Weltweit gibt es kaum noch eine Staatsregierung, die nicht anonymen Investoren mehr verpflichtet ist als ihrem Souverän, dem eigenen Volk. Märkte haben also weder Kultur noch Skrupel, ihre Mechanismen werden von Menschen (und ihrer Kultur) bestimmt, sie sind nicht "naturgegeben".
Hier kommt die Rolle einer neuen Lernkultur zum Tragen, um unsere in offensichtlichem Niedergang befindliche Kultur zu einer "lernenden Kultur" zu wandeln. Solch eine Kultur wird sich wohl auch an "ewigen" Werten orientieren müssen. Diese werden jedoch auf Erkenntnissen ruhen, nicht auf Überlieferung. Im Wesentlichen halte ich "das Leben an sich" für solch ein Orientierungs-Fanal, allerdings in einem Verständnis, das unsere derzeitige Wissenschaft noch lange nicht erreicht hat.
"Leben an sich" ist von unseren Wissenschaften im Grunde bislang nicht definiert. Für die neue Lernkultur verstehe ich unter "Leben an sich" (also Leben insgesamt, vom Mikro- bis zum Makrokosmos) nicht das, was wir heute als "Lebensformen" (oder Organismen) bezeichnen, sondern dasjenige (jene "Energie"), was diese Organismen tatsächlich belebt. Auf eine einfache "Daumenregel" reduziert wird das Grundprinzip der Lernkultur lauten:
"Pflege was dem Leben förderlich ist. Meide was dem Leben schadet."
Für Lernkultur ergeben sich daraus zwei Ziele, die auf unterschiedlichen Wegen angestrebt werden, aber eigentlich voneinander nicht zu trennen sind. Keines der beiden Ziele kann sich ohne das andere aufrecht erhalten.

Lernkultur: Kultur des Lernens


Da ist zuerst einmal das Ziel für den heranwachsenden Menschen - vielleicht besser gesagt "der Geführten".
(Das sind Mädchen oder Jungen im Alter von vielleicht 4 oder 5 bis etwa 16 Jahren. In diesem Alter sollte jede "Fremdführung" abgeschlossen und in autonome Führung übergegangen sein. Die "Bildung" wird damit aber in der Regel noch nicht abgeschlossen sein.)
Diese bislang völlig unbekannte Zielsetzung wurde mir insofern leicht definierbar, als ich zweifelsfrei sehen konnte, dass alle Menschen im Wesentlichen ein einziges Ziel haben: Sie wollen (solange sie nicht "verbogen" denken) ein glückliches Leben führen und zum Wohl und Nutzen alles Lebendigen beitragen. Damit also ist die Zielsetzung der Pädagogik einer neuen Lernkultur:
Die ihr Anvertrauten so zu führen, dass sie ihre Anlagen selbst-bestimmt entfalten, um durch ihren Einsatz zum Wohl und Nutzen alles Lebendigen selbst glücklich zu leben.
Oder kurz gesagt: Pädagogik der neuen Lernkultur hat glückliche Menschen in prosperienenden Gesellschaften zum Ziel.
(Dies schließt Kriege zwischen Gesellschaften und Völkern von vornherein aus! Und nur im Bewusstsein der neuen Lernkultur Herangewachsene werden die Fähigkeit haben, die verfallende Kultur vor dem Untergang zu retten.)

Lernkultur: Lernende Kultur


Und dann gibt es das Ziel für diese neue Kultur selbst:
Es betrifft das gesamte Kulturgeschehen der Gesellschaft, wobei "Kulturgeschehen" bedeutend weiter gefasst verstanden ist als in unserer Zeit. Heutzutage versteht man darunter im Wesentlichen nur das künstlerische Geschehen innerhalb der Gesellschaft, und blendet alles andere - wie zum Beispiel die Alltagssitten, die Kriminalität, das Geschäftsleben, die Verhältnisse zwischen Gesellschaftsschichten und den Völkern etc. völlig aus. Im Verständnis der neuen Lernkultur sind dies alles mit Aspekte der "gelebten Kultur", aus denen zu lernen ist und deren Verbesserung angestrebt wird.
So wie wir heute zum Beispiel einen Kriminellen zu "re-sozialisieren" versuchen (ihn also "eines Besseren zu belehren" suchen), so strebt die "lernende Kultur" nach der Abschaffung der Ursachen und dem Verständnis des Besseren, des Förderlichen, um das gesamte Kulturgeschehen einer Gesellschaft zu verbessern. (Also: "Das Förderliche pflegen, das Schädliche verabscheuen.")