Wie Pädagogik verloren ging


Die Menschen unseres Kulturkreises scheinen sich darin einig, dass in der Erziehung geistige Werte unabdingbar sind. Und obwohl die meisten Menschen dieser Aussage gerne zustimmen, gerät man leicht in heftige Diskussionen, wenn es um die Frage geht, worin denn solche geistige Werte bestehen sollten. Auch die Frage, was geistige Werte seien, findet kaum breite Einigkeit.
Wenn geistige Werte in der Erziehung eine tragende Rollen spielen, kann dann Pädagogik ohne sie auskommen? Ich denke nicht, wenn man aber Textbücher der modernen "Erziehungswissenschaften" untersucht, findet man wenig Erwähnung geistiger Werte.
Warum? Nun, ich würde sagen: Weil diese Bücher der Erziehungswissenschaften keine Pädagogik enthalten.

Aus Kunst wurde Pseudo-Wissenschaft


Nun, Pädagogik ist mehr oder weniger aus den Lehrplänen und dem Wortschatz gestrichen worden und insgesamt durch "Erziehungswissenschaften" ersetzt worden.
Die ursprüngliche Kunst Pädagogik hatte einerseits ein klare Vorstellung dessen, an wen sie sich richtet und andererseits ein bestimmtes Ergebnis zum Ziel. Im Unterschied dazu sind die Erziehungswissenschaften im Wesentlichen bloß so etwas wie ein Kompendium dessen, was die Wissenschaft bzw. deren Repräsentanten zu erforschen würdig fanden.
Niemand kann genau sagen, zu welchem Zweck und mit welchem Ziel diese Forschungen unternommen werden.
Das Ziel der Erziehung wird wie selbstverständlich vom Staat vorgegeben, um nicht zu sagen: diktiert, und die Erziehungswissenschaften sollen Lösungen liefern. Wie klein dabei die Rolle ist, die Geist spielt, können wir (zumindest) in Österreich an den ziel- und hilflosen Reformversuchen deutlich beobachten.
Die Erziehungswissenschaften gehören in den Bereich der Sozialwissenschaften (wie zum Beispiel die Anthropologie auch), deren primäres Ziel das Erklären ist. Trotzdem können sie so gut wie nichts darüber sagen, womit man als Erzieher es bei einem Kind zu tun hat: Sie sagen nichts davon, welche Anlagen im Kind schlummern und darauf warten, sich schöpferisch zu betätigen. Vielmehr sehen sie im Kind ein "kleines dummes Tier", das erst durch den Einfluss des Erziehers zum Menschen gemacht werden müsse.
Die Geisteswissenschaften haben das Verstehen als primäre Ziel, sie sind zumindest bestrebt, Beiträge zum Verstehen zu leisten. Dennoch haben sie so gut wie nichts zum Thema "Geist" zu sagen und erschöpfen sich darin, Produkte des menschlichen Geistes zu katalogisieren und zu klassifizieren.
Irgendwie kommt mir vor, dass man über das Produkt den Produzenten aus den Augen verlor. Leugnet man nicht sogar die Existenz eines Produzenten solch "geistiger Produkte"?
Heute verfügen wir zwar über eine Menge Wissenschaften, haben aber weder eine klare Definition des Begriffes "Geist", noch eine brauchbare Erklärung dessen, was "geistig" oder "geistige Werte" seien. (Lesen Sie mehr über den Wandel der Wissenschaften in den letzten 120 Jahren: Kann Geist verloren gehen?

Quo vadis, Menschheit?


Als ganze "zivilisierte Gesellschaft" haben wir einen Punkt erreicht, an dem buchstäblich jede Äußerung und Wahrnehmung des Lebens dem Urteil des Einzelnen entzogen ist und der "wissenschaftlichen Expertise" übertragen wurde. Wenn die Wissenschaft etwas "als nicht existent" bezeichnet, dann hat es für alle als nicht existent zu gelten - und umgekehrt fürs Existente. Wenn die Wissenschaft etwas als "dies ist es" erkennt, dann hat alles andere als falsch zu gelten.
Wer etwas anderes für wahr und richtig hält, wird bestenfalls als Träumer, schlimmstenfalls als Geistesgestörter, oder noch ernster, als Geisteskranker deklariert und interniert. Wenn also jemand meint, Geist als das Leben in sich zu spüren, es so wahrnimmt, erfährt und von sich gibt, kann es geschehen, dass er sich einem "Experten" zur Begutachtung seiner geistigen Verfassung unterwerfen muss.
Denken, das den Ansichten der "Wissenschaft" nicht gerecht wird, kann wissenschaftlich als "gestört" oder "krank" bewertet werden. Selbst abscheuliche Bösartigkeit kann wissenschaftlich als unverschuldet und entschuldbar erklärt werden.
Und solch "wissenschaftlicher Expertise" hat sich heutzutage auch die Rechtsprechung zu beugen.
Als Wert gilt primär das Materielle - Geld, Besitz, Zeit, leibliches Wohlergehen etc. - alles, was gezählt, gemessen und gewogen werden kann. Unwägbare Dinge wie zum Beispiel Integrität, Respekt, Liebesbereitschaft und -fähigkeit und vieles werden nicht mehr als Wert - auch nicht als schützenswertes Gut, - verstanden, sondern als klassifizierbare Charaktereigenschaften.

Was hat uns dies alles eingebracht?


Etwas überspitzt und drastisch ausgedrückt: Wir wurden gründlich von Geist "gereinigt". Die "Wissenschaft" gibt uns vor, (oder verbietet uns unter Androhung eines vernichtenden Urteils) das, was wir als Geistesleben erfahren und praktizieren dürfen.
In dieser Hinsicht genießt nur Religion eine gewisse "Narrenfreiheit", weil bestimmte Kirchen ihren Einfluss dafür schon früh zum Tragen brachten. Doch wer glaubt, Geistesleben in Religion oder Kirche zu erfahren, wird bald und gründlich eines Besseren belehrt: Nur der "rechte Glaube" ist erlaubt, alles andere grenzt an Gotteslästerung oder gilt als solche.
Und natürlich zählt heute Theologie - "Theologie" heißt wörtlich übertragen Gotteskunde - zu den "Geisteswissenschaft". Sie hat zwar nichts über Gott zu sagen, hat aber alles, was Gott zugeschrieben wird, fein säuberlich erfasst, katalogisiert und interpretiert. Natürlich schließt dies alle von Menschen erdachten Dogmen und Lehrmeinungen mit ein. Nimmt es da Wunder, dass in unserer Zeit immer weniger Menschen sich zu einer Kirche bekennen wollen?
(Bitte lesen Sie daraus nicht, ich würde beklagen, dass Pädagogik dem kirchlichen Bereich genommen wurde, oder dass ich sie in die Nähe der Religion oder der Theologie rücken wollte! Nein gar nicht, ... aber ich sehe viele geistigen Aspekte der Pädagogik im Vordergrund, die den "Geisteswissenschaften" abhanden gekommen sind.)
(Dies ist ein einleitender Artikel zu einer Reihe weiterer Betrachtungen, die letztlich zu einem umfassenden Verständnis einer modernen Pädagogik führen sollen, ohne welche eine "neue Lernkultur" nicht errichtet werden kann. Erfahren Sie im nächsten Aufsatz mehr darüber, wie ich meinen Begriff von Geist gefunden habe.)