Teil 1.2, Bildung: lernen und studieren


Bildung ist das (selbst bestimmte) Erwerben von Allgemeinwissen und Fertigkeiten, die für alle Situationen des Lebens bereichern und befähigen, in der Gesellschaft bestehen zu können und Aufgaben verantwortlich in ihr wahrzunehmen. Auch das so erworbene Wissensgut wird als Bildung bezeichnet.
Faktenwissen ohne Bezug auf das Leben und andere Kulturbereiche kann nicht als Bildung gelten - denn wie glücklich kann der Mensch sein, der als lebendes Lexikon durch die Welt geht und sich unfähig erweist, sein Wissen zur Lösung von Problemen und Konflikten des Alltages zu nützen?
Zwangsweise erteilter Unterricht kann kaum oder nur recht selten zu wahrer Bildung führen, nämlich nur dann, wenn der so gebildete Mensch im vollen Verständnis des Geschehens diesem zustimmt und aus eigener Bestimmung mitmacht. Gewöhnlich kann - vor allem bei Kindern - davon keine Rede sein, weil Eltern und Kinder gleichermaßen von der falschen Vorstellung ausgehen, dass dieser Unterricht gesetzlich verordnet wäre und unausweichlich sei.
Es scheint offensichtlich, dass Bildung im oben genannten Sinn ohne zu lernen nicht erworben werden kann. Aus welchem Grund auch immer, doch gerade der Begriff des Lernens ist eines der großen Themen, die in unserer Kultur ziemlich kontroversiell und unverstanden scheinen.

Ein klares, stabiles und verlässliches Verständnis des Alltagswortes "lernen" ist deshalb für die neue Lernkultur unerlässlich.
Vermutlich ist es eine ziemlich starke Herausforderung an meine Leser, wenn ich sie jetzt hier auffordere:
Vergessen Sie zumindest für die nächste halbe Stunde alles, was Sie bisher über das Lernen gehört, erfahren oder "gelernt" haben. Nehmen sie bitte einfach die Haltung ein, dass Sie jetzt ein für sie ganz neues Wort kennen lernen. Und dann bilden Sie sich Ihre eigenes Urteil darüber, woran Sie sich künftig halten wollen.

Lernen


Lernen ist ein gescheiter-Werden, ein Wachsen an Wissen und Fertigkeiten.
Dies gilt für jeden Bereich des Denkens und Handelns für jeden Menschen. Lernen ist sich verändern etwa in gleicher Weise, wie "wachsen" ein Verändern der Größe ist. Lernen kann deshalb genau so unmöglich gefordert werden wie das Wachsen an Körpergröße. Beides geschieht für den Einzelnen nach seinen individuellen Gegebenheiten. (Bitte beachten Sie: "individuell" bedeutet im deutschen wörtlich "unteilbar"!)
Niemand käme auf den Gedanken, ein Kind aufzufordern zu wachsen "jetzt wachse schön!" - es gehört aber zum Alltag der Kinder ab spätestens dem sechsten Lebensjahr, aufgefordert zu werden "lerne brav!" Das ist ziemlich unsinnig und zeigt im Grunde nur, dass man selbst von Anfang an falsch instruiert worden ist.
Aufforderungen wie "Lerne brav!" bedeuten ja aufgrund der damit verbundenen Handlungen und "Maßnahmen" Dinge wie in der Klasse brav zu sein, aufmerksam zu sein, still zu sein (und auf keinen Fall zu stören!), fleißig zu sein und alles möglichst willig anzunehmen.
In der Wirklichkeit (also so, wie es tatsächlich wirkt) bedeutet lernen, eine Veränderung herbeizuführen: Etwas, das ich vielleicht nicht kannte, nicht wusste oder nicht richtig tun konnte bevor ich es lernte, dem war ich untertan. In dem Maße, wie ich es lerne, gewinne ich die Herrschaft über dieses Etwas, ich weiß oder kenne es und kann es richtig tun oder nützen. Lernen ist also eine Veränderung meines Wissens, meiner Kenntnisse oder Fertigkeiten. Lernen befähigt mich, es in meine Herrschaft zu bringen, indem ich es zu meinem Vorteil oder Vergnügen usw. nutzen kann.
Betrachten wir ein paar Beispiele aus dem Alltag; dabei beachten wir hier vorerst nicht, was ich tun muss, um etwas zu lernen - wir betrachten nur die Bedeutung des Wortes aus praktischer Sicht:

▪ Solange ich nicht lesen kann, habe ich weder ein Buch, noch einen Fahrplan, ein Straßenschild oder irgend ein Dokument "in meiner Herrschaft" - diese Dinge überfordern mich, ich bin ihnen gegenüber ein Verlierer.
▪ Lerne ich jedoch lesen - ich verändere mein Wissen, meine Kenntnisse und meine Fertigkeiten derart, dass ich so gut wie jedes Buch, jeden Fahrplan, jedes Straßenschild und jedes beliebige Schriftstück "in meiner Herrschaft" habe. Nichts davon kann sich meiner Fertigkeit widersetzen, ich bin diesen Dingen gegenüber der Sieger oder Gewinner.
▪ Solange ich nicht Radfahren kann, bin ich dem Fahrrad gegenüber ein Verlierer. In dem Maße, wie ich Radfahren lerne, gewinne ich an Herrschaft über das Fahrrad und werden zu seinem Beherrscher.
▪ Schaut man auf seine eigene Vergangenheit, wird man leicht hunderte von Dingen finden, die man in seine Herrschaft gebracht hat, indem man (etwas) lernte. Ich möchte hier noch einmal betonen, dass es in dieser Betrachtung nur darauf ankommt zu erkennen, dass Lernen nichts anderes als "ein Wachsen" ist - dabei ist noch offen, wie man solches Wachstum zuwege bringt.

Sprachgeschichtlich betrachtet wurde das Wort aus einem alten Wort (seiner sogenannten "Wurzel") mit der Bedeutung "wissend werden" entwickelt, man prägte also von Anfang an ein Wort, das im Wesentlichen die Idee eines Werdens, eines Entwickelns, eines Wachsens vermitteln soll.
"Wissend werden" manifestiert sich im Grunde genommen im gescheiter-Werden, also der Qualität, die Dinge zu kennen, besser unterscheiden zu können; ein fähiger-Werden, ein geschickter-Werden und so fort.
"Werden" trägt die Idee des Veränderns und der Veränderung in sich, "lernen" ist demnach nicht Arbeit sondern selbst bestimmtes Verändern, das heißt ein Verändern aus sich selbst heraus.
"Wissen", "Kenntnis", "Können", "Fertigkeiten" - dies alles sind individuelle, persönliche Qualitäten, die niemals ein zweites Mal in dieser Welt existieren. Und - dies halte ich für sehr wesentlich: Diese Qualitäten kennen in Wahrheit keine Begrenzung. Sie sind immer und jederzeit dem Wachsen (oder größer, schärfer, umfassender Werden) offen.
Der Wille zu lernen (das heißt: sich zum Besseren verändern) wächst aus der dem Menschen eigenen individuellen Bestrebung, "alles wissen" zu wollen, weshalb er selbst bestimmt (aus sich heraus) neugierig ist. Nur dieses Bestreben in einer seiner möglichen Schattierungen führt zu wirklichem Lernen.
(Hier ist anzumerken, dass das Wort "wissen" im Grund von etwas berichtet, das "ich gesehen habe, erwandert, erfahren habe". Das Bestreben "ich will etwas wissen", besagt deshalb im Wesentlichen nichts anderes als "ich will es sehen, erwandern und erfahren, erleben". Also: Hat die Sprache es nicht immer schon gewusst?)

Lernkunde


Selbst bestimmtes Wachstum an Kenntnissen und Fähigkeiten kann nur das Individuum selbst durch geeignete Maßnahmen bewirken. Im Forschen und Fragen, Versuchen, Probieren und Üben, aber auch durch (das Wirken des Vorfeldes in) Erziehung und Unterricht findet das Individuum Möglichkeiten zu lernen. Eine der stärksten Bestrebungen des (gesunden, unverbildeten) Menschen gilt dem Selbstbestimmtsein, das lässt sich leicht beobachten, wenn man kleine Kinder aufmerksam beobachtet. (Auch der Begriff "Selbstbestimmtsein" wird an passender Stelle dieses Manifests ausführlicher betrachtet werden.)
Gesammeltes Wissen um das Phänomen "Lernen" ist unter dem Begriff "Lernkunde" zusammengefasst. Sie wird an geeigneter Stelle dieses Manifests besprochen werden.
Betrachten wir jetzt die Tradition und untersuchen wir die Frage:
Was lernt (im eben dargelegten Sinne!) ein Kind, das mit der Aufforderung "lerne brav!" (oder irgend einer Version des heute üblichen Begriffes von lernen) zum Unterricht geschickt wird?
Im Verein mit solcher Aufforderung sind immer Weisungen, etwa in der Klasse brav zu sein, aufmerksam zu sein, still zu sein (und auf keinen Fall zu stören!), fleißig zu sein und alles "Vorgetragene" oder "Aufgetragene" möglichst willig anzunehmen, ausgesprochen oder unausgesprochen verbunden. Und "unterstützende Maßnahmen" sind meist auch nicht weit. Der so agierende Erwachsene setzt als selbstverständlich (also gar nicht der Erwähnung wert) voraus, dass dies alles ja nur darauf abzielt, dass das Kind lernt, und dass die Ermahnungen ja nötig seien, um das Kind an Disziplin zu erinnern, ohne die es nichts lernen würde. (Auch Disziplin werden wir an geeigneter Stelle näher beleuchten.)
Betrachten wir nun die Frage "was lernt das Kind?" aus dem Aspekt "welche Veränderung erfährt das Kind?" oder "welche Veränderung wird im Kinde bewirkt?"
Finden wir hier irgend etwas, was das Kind spürbar zu besserer, weiterer oder umfangreicherer Herrschaft oder fähigerem Selbstbestimmtsein verändert? Vor allem: Finden wir hier irgend etwas, das für das Kind ein Anreiz sein könnte, seinen Herrschaftsbereich zu erweitern? Irgend etwas, das dem Streben nach Selbstbestimmtsein entgegen kommt und es fördert? Kaum.

Selbstbestimmtsein


Wir finden aber eine Menge Aspekte, die das Kind zum Untertan sein, zum Hörig sein, zum klein sein und angepasst sein bringt, auf keinen Fall aber dazu, selbst bestimmt die Sache anzugehen und sie zu besiegen, die Sache in seine Herrschaft zu bringen. Und ... wir finden heraus, dass dies alles Ermahnungen sind, nicht selbst bestimmt zu lernen, sondern sich völlig fremd bestimmter Führung zu unterwefen.
Ich meine, es ist offensichtlich, dass der Gedanke, dem Kind Selbstbestimmtsein und umfassende Herrschaft zu ermöglichen, aus diesem Blickwinkel auf das Lernen geradezu außerirdisch anmutet.
(Und genau hierin liegt, von den meisten Autoritäten völlig unerkannt, der Keim aller "disziplinären Probleme", und auch der meisten sogenannten "mentalen Störungen" von Kindern, wie etwa ADHS und -zig weitere, doch mehr dazu an späterer Stelle. Die Sicht solcher Autoren ist von der Überzeugung geprägt, dass ein "eigenwilliges" Kind einfach noch nicht gut erzogen sei. Dabei ist "eigenwillig sein" in Wahrheit nur eine Streben nach Selbstbestimmtsein!)

Studieren


Wie kommt es nun dazu, dass der Mensch lernt? Was genau ist der "Wirk-Mechanismus", der wahres Wachstum an Wissen, Kenntnis, Können, Geschicklichkeit usw. hervorbringt? Dieses Wirken bezeichnen wir mit dem Wort "studieren".
Studieren ist jede gewollte aufmerksame Aktivität mit dem Zweck, Lernen zu bewirken.
Jede einzelne selbst bestimmte Handlung des Individuums, die darauf angelegt ist, sein Wissen oder seine Fertigkeit zu erweitern, fällt in den Begriff studieren.
Die sprachgeschichtliche Wurzel des Wortes ist das lateinische Verb "studeo", d.h. "ich bin eifrig, ich strebe" (nach Wissen, Einsicht, Erkenntnis oder Verbesserung, nach Können und (Sach-) Beherrschung).
Im Unterschied zum Lernen (ein Werden oder ein Prozess) ist Studieren gezieltes Aktivsein. Dieses Aktivsein kann in vielen Aktivitäten und Handlungen auftreten, die alle zu dem Zweck gesetzt werden, den Prozess des Lernens in Gang zu setzen und ans Ziel zu führen.
Aktivitäten und Handlungen können mehr oder weniger "richtig" sein, das heißt mehr oder weniger zum angestrebten Ergebnis führen - oder es verfehlen. "Richtige Handlungen" können unter bestimmten Gegebenheiten auch falsch sein - und "falsche Handlungen" können unter bestimmten Gegebenheiten sich als richtig erweisen. Lassen Sie mich an Beispielen zeigen, wie das sein kann:

Betrachten wir ein Kind, das Lesen lernen will. Würde man das Kind anleiten "fleißig zu üben" (also möglichst viel zu lesen, was durchaus als "richtige Handlung" angesehen werden müsste), bevor man gewiss ist, dass das Kind den Vorgang (also die einfache Technik des Lesens) verstanden hat, dann wird Üben zur falschen Handlung, die im Endergebnis fast ausnahmslos sogenannte "Legastheniker" hervorbringt.
Umgekehrt, würde man einem Kind, das diesen Vorgang offenbar verstanden hat, diesen Vorgang (also den Verlauf der einfachen Technik des Lesens) erklären (was sonst als durchaus "richtige Handlung" gelten muss), ausführlich, des Langen und Breiten, dann ist das (langwierige) Erklären eine falsche Handlung, die im Endergebnis fast ausnahmslos dazu führt, dass ein so behandeltes Kind das Lesen hassen lernt.

Technologie


Wissen um Handlungen und Handlungsweisen nennt man auch "Technologie" (wörtlich übersetzt bedeutet das "Verfahrenslehre oder Verfahrenskunde"), demnach gibt es eine Studiertechnologie, (als ein Lehrfach), das die Verfahren und Methoden, die zu erfolgreichem Studieren führen, ausführlich behandelt. Auch sie wird an geeigneter Stelle dieses Manifests besprochen werden.
Wir können jetzt klar sehen, dass das Fehlen von Lernkunde und Studiertechnologie sowohl in der Ausbildung der Pädagogen als auch in der Grundausbildung der Kinder unserer Zeit fehlt. Gewiss, es gab Zeiten, wo man aus Überzeugung davon ausging, dass Kinder Druck brauchen, damit sie "vernünftig lernen". Das dürfte aus jenen Zeiten stammen, wo man aus Überzeugung die Bewohner eines Landes abschlachtete, weil sie sich der Inbesitznahme in den Weg stellten. ... Humanitäre Steinzeit, gewissermaßen. Doch die Menschheit entwickelt sich unaufhörlich weiter und hat gewiss einen Stand erreicht, wo der Bildung der Nachkommenschaft größere Aufmerksamkeit gewidmet werden kann und muss.


Im nächsten Abschnitt werde ich weitere Begriffe erörtern, die im Zusammenhang stehen mit der Bildung, deren Gegebenheiten sich junge Menschen in einer Ära neuer Lernkultur ausgesetzt sehen werden:
Unterrichten und lehren, und damit im Zusammenhang Schule und Unterricht.