Wie ich das Fundament fand


Die Lehren aus meiner eigenen Schulzeit und die Erinnerung an letztere waren mir lebendig und in bleibender Erinnerung geblieben. Die daraus gewonnenen Einsichten bestimmten wesentlich meine berufliche und auch geistige Entwicklung.
(Interessieren Sie meine diesbezüglichen Erfahrungen? Lesen Sie hier an diesen Stellen nach: Prägende erste Schuljahre, Bildung? Nein. Angepasst sollst du werden! sowie Werte und Berufsausbildung)
Im Alter von 33 Jahren hatte ich - einige Jahre nach Überwindung einer sogenannten Midlifecrisis - einen tieferen Sinn für mein Leben gefunden. Mein Beschluss zu einem pädagogischen Studium führte mich in den USA und eröffnete mir tiefe Einsichten in großer Breite. Allem voran lernte ich die Mechanismen verstehen, wie bestimmte Strömungen die "Bildung der Jugend" auf internationaler Ebene bestimmen.
Bei meiner Rückkehr nach Österreich am Ende der dreijährigen Studien hatte ich ein klares Ziel und ein grobes Konzept im Gepäck. Mein Beschluss war darauf gerichtet, mein weiteres Leben der Aufgabe zu widmen, meinem Land "eine neue Lernkultur" zu bringen. Mein gedankliches Konzept war prinzipiell und von Grund auf anders als die üblichen pädagogischen Bestrebungen.


Fürs Leben lernen


Aus meiner Lebenserfahrung und den im Studium erworbenen Einsichten war für mich klar, dass "Kultur" niemals den Menschen entwickeln kann, sondern dass der Mensch Kultur entwickelt. Die Kultur also der Entwicklung (und Förderung) des Menschen überzuordnen, hielt ich daher für einen völlig falschen Ansatz. Nicht die Kultur darf die Entwicklung und Förderung des Menschen bestimmen, sondern der Mensch selbst soll das Maß für seine Entwicklung und Förderung sein.
Ich war (und bin) überzeugt, dass diese Betrachtung zwangsläufig fordern muss, das Individuum zu "stutzen", weil die überlieferte Kultur die Anlagen des neuen jungen Lebens überhaupt nicht erfassen und berücksichtigen kann. Natürlich bedarf es einer Vorstellung dessen, was denn den Menschen ausmacht.
Kultur handelt nicht, sie agiert nicht, sie schafft nichts; sie setzt bestenfalls bloß Rahmenbedingungen. Weil der Rahmen der Handlungsmöglichkeiten und das Wissen um sie ständig einer Veränderung unterliegt, verlieren die Rahmenbedingungen an Wert und Gültigkeit.
Der individuelle Mensch handelt - Menschen handeln gemäß der ihnen vermittelten Kultur. Träger von Visionen, des Ethos und der Aufrichtigkeit ist der Mensch - es ist nicht die Kultur. Pädagogik als "die Kunst junge Menschen zu führen" muss demnach den Menschen zum Ziel haben, nicht die Kultur.
Auf diesem Gedanken aufbauend entstand die Idee einer neuen Lernkultur, die ich als eine "Kultur des Lernens" ebenso wie als eine "lernende Kultur" visionierte.
Die gängigen pädagogischen Konzepte ruhen auf dem Gedanken, dass Kinder "gebildet" werden müssten, damit sie Träger einer Kultur werden. Es scheint, dass bis auf wenige Ausnahmen alle "großen Pädagogen" niemals der Tatsache gewahr geworden sind, dass jedes Kind praktisch ohne jegliche "Bildung" in die Kultur seiner Umwelt hinein wächst und ab einer gewissen Reife zu einem ihrer Träger wird. Aus derselben Beobachtung zeigt sich zweifelsfrei, dass eine auch noch so gut gemeinte Bildung nichts an den Einflüssen ändert, die eine beliebige "Kultur" auf die Entwicklung der Jugend nimmt. "Kultur" wird von den Menschen nach den Möglichkeiten geschaffen, die sie für sich erkennen können.
Das Ziel einer gültigen Pädagogik (d.i. "eine Kunst die Jugend zu führen"!) soll also nicht sein, die Jugend nach Maßgabe einer Kultur anzupassen, sondern sie soll vielmehr die Jugend befähigen, ein glückliches und erfüllendes Leben zu führen. "Humanistisches" Erleben halte ich zu diesen Zweck für bedeutend wichtiger als die "akademische Bildung" unserer Zeit. Denn nur glückliche Menschen werden in Wahrhaftigkeit eine ethische Hochkultur entwickeln.
(Dieser Artikel umfasst ein größeres Gebiet, weshalb er in einzelne Abschnitte geteilt und in Fortsetzungen publiziert wird.)