Von Null auf Lehrer


Bis 1974 war ich Techniker und hatte die 12 Jahre davor mit Computeranlagen und Daten­übertragungsnetzwerken zu tun. Es war ein sagenhaft interessante, heraus­for­dern­de und befrie­digende Tätigkeit.
Ganz am Anfang dieser Tätigkeit, unmittelbar nach meine Einschulung auf Lochkarten­maschinen, brachte mein Arbeitgeber einen völlig neuen Computer heraus.
Ich hatte das Glück und wurde gefordert, diese Maschine zu studieren, um die ersten Riegen von Wartungstechnikern dafür zu instruieren und auszubilden. Sowohl die Heraus­forderung des Studiums als auch die des Unterrichtens waren damals für mich "das Größte".
Dann in der Unterrichtspraxis die vielfältigen Möglichkeiten zu beobachten, wie Men­schen daran gehen, Neues zu lernen, faszinierte mich aufs Höchste.
Aber ich begann auch zu erkennen, dass Menschen durch eine "formalen Schulbildung" offen­bar ihre natürlichen Anlagen zum Lernen verlieren. Es waren recht seltsame "Lern­methoden", die vielleicht schulischen Anforderungen gerecht werden konnten, ganz gewiss aber nicht den Anforderungen des Lebens. Doch damals hielt ich diese Dinge noch für ein individuelles Merkmal der betroffenen Personen.

Als Rüstzeug für meinen ersten Kurs mit 24 jungen Fachschultechnikern und -ingenieuren brachte ich außer meinem Fachwissen, meiner persönlichen Einstellung zum Lernen und meine Motivation nichts mit. Selbst war ich gerade 23 Jahre alt und fast durchwegs jünger als meine "Schüler".
Meinen Kurs verstand ich als Interessensgemeinschaft: Jeder Teilnehmer hatte nach meiner Vorstellung das gleiche Ziel wie ich. Er wollte am Ende des Kurses versierter Computertechniker sein, ich wollte eine Riege versierter Computertechniker geschaffen haben. Bald aber wurde mir von so manchem Teilnehmer klar gemacht, wie weltfremd mein Idealismus angesehen wurde.


Weltfremder Idealismus?


Zu meiner Vorstellung appellierte ich in der Einleitung zum Lehrgang an die Vernunft "meiner Schüler". Das Folgende war gewiss nicht der Wortlaut, aber sinngemäß begann ich jeden Kurs mit folgender Einstimmung:

"Bitte geht mit dem, was ich Euch vortragen werde so um, wie Ihr mit dem Proviant für eine Woche in der Wildnis umgehen würdet. Beim Proviant wisst Ihr, dass Euch sorgloser Umgang mit ihm hungrige und elende Tage bescheren kann.
Den Stoff meiner Vorträge könnt Ihr zwar nicht essen, aber er soll Euch für Euer Technikerleben versorgen. Wir werden gemeinsam die Funktions- und Wirkungsweise von Maschinen erarbeiten, die auf Jahre Euer Tätigkeitsfeld sein werden. Diese Maschinen sind in unserer Welt völlig neu, es gibt nichts Vergleichbares. Weil sie ganz und gar neu sind, wird in erster Linie Ihre Neugier gefordert sein.
Am Ende einer jeden Woche werden Sie einen schriftlichen Test ablegen. Für mich sind Eure Testergebnisse ein Indikator, wie ich meinen Vortrag verbessern muss. Ich betrachte Ihre Ergebnisse als Bewertung meiner Leistung; sie zeigen mir auf, wie verständlich ich den Stoff für Sie aufbereitet habe.
Für Sie sollten die Testergebnisse ein Indikator dafür sein, wie Sie Ihren Umgang mit dem Stoff verbessern sollten. Achten Sie vor allem darauf, dass Sie die Dinge verstehen. Versuchen Sie bitte nie, sich Aussagen und Beschreibungen einzuprägen oder zu merken. Mit solchem Wissen werden Sie niemals eine Maschine am Laufen halten und reparieren können. Legen Sie Ihre Aufmerksamkeit vor allem darauf, Antworten auf Ihre Fragen zu finden und zu bekommen. Ihre Fragen müssen Sie selbst finden - ich kann Ihnen nur Antwort geben, wenn Sie eine Frage stellen. Unerfreuliche Testergebnisse zeigen Ihnen vor allem auf, dass Sie offene Fragen nicht behandelt haben.
Ihre Testergebnisse haben auch einen Einfluss darauf, ob Sie nach dem Lehrgang eine Festanstellung bekommen werden oder nicht. An dieser Tatsache werden weder Sie noch ich etwas ändern können - was wir aber ganz bestimmt gemeinsam beeinflussen können, sind die Kenntnisse, die Sie im Lauf des Lehrganges erwerben. Wer keine offenen Fragen hat, hat die besten Chancen auf die begehrte Anstellung.
Sie werden von mir weder Noten noch eine Beurteilung irgendwelcher Art bekommen. Sie werden im Lauf der gesamten Ausbildung Ihre eigene Beurteilung schreiben: In den Testergebnissen dokumentieren Sie, dass Sie die Maschinen so weit verstehen, um als Computertechniker erfolgreich zu sein.
"

Die raue Wirklichkeit


Obwohl ich damals wusste, dass die Schulungs- und Personalabteilungen von vornherein damit rechneten, aus jedem Kurs von 24 "Probanden" nur maximal die 10 besten Absolventen eine Anstellung bekommen würden, war ich für mich überzeugt und entschlossen, es besser zu machen. Schon während des ersten Lehrganges wurde ich praktisch belehrt, dass auch meine stärkste Motivation nicht viel an der Verfassung meiner Schüler ändern wird. (Einer meiner Kollegen sprach von minderwertigem "Technikermaterial".)
Zwar ließ ich mich von dieser "Tatsache" überzeugen und erachtete es nicht mehr als nur mein Versagen, wenn die Hälfte meiner Schüler nach drei Monaten ohne Anstellung ging, aber die Frage nach dem Warum sollte mich noch 15 Jahre beschäftigen. Erst 1977 kehrte ich mit der Idee einer neuen Lernkultur im Gepäck wieder heim nach Österreich. Ich war zur Einsicht gekommen, dass wir zwar "Pädagogik" lehren, aber insgesamt am Fehlen einer "Lernkunde" leiden.
Zudem war mir bewusst geworden, dass die staatlich praktizierte "Pädagogik" ganz entsetzlich am Fehlen wesentlicher humanistischer Grundlagen leidet. Auf Grund falscher Ausgangs- und Zielwerte erweist sie den jungen Menschen und dem ganzen Volk einen Bärendienst. Sie vermindert Anlagen und Begabungen, statt sie höher zu entwickeln.
Für mich war klar geworden, dass eine neue Lernkultur ohne eine grundlegende Reform der Pädagogik keine Chance haben würde. Meine Zielsetzung für die neue Lernkultur umfasste also neben der Einführung von Lernkunde auch eine "kreative Pädagogik".
Diese Publikation (Lernkultur.com) ist deshalb der Darlegung meiner Gedanken und Überlegungen zu diesen Themen gewidmet.