Teil 3: Pädagogische Leitlinien


In diesem Teil werden die Aufgaben und Grenzen der verschiedenen Aktivitäten zur Erziehung, zum Erwerb von Bildung und Ausbildung als kompakte Übersicht behandelt. Die hier dargelegten Betrachtungen sollten idealer Weise von jeder Regierung, die ihr Volk und seine Kultur liebt und sich ihm verpflichtet fühlt, geachtet und beachtet werden.

Erziehung


Erziehung hat die Aufgabe, erworbene Kultur zu erhalten und dem Nachwuchs zu vermitteln. Sie ist demzufolge Privileg der Eltern, der Staat soll diese Aufgabe nur dann übernehmen, wenn weder Eltern noch nahe Verwandte vorhanden sind, die sich dieser Aufgabe an Stelle der Eltern annehmen.
Um die Vermittlung möglichst verlustfrei zu erreichen, sollen die im Menschen vorhandenen Möglichkeiten, also seine Anlagen und Begabungen, geweckt, gefördert und entfaltet werden. Die Erziehenden bedürfen deshalb eines klaren Bildes von den im Menschen angelegten Möglichkeiten, soll dieses Unternehmen erfolgreich sein und die Anlagen zur Blüte und Reife bringen, obgleich sie nicht Pädagoge zu sein brauchen.

Unterricht


Unterricht hat die Aufgabe, durch getreue Vermittlung des von Dritten bereits gewonnenen und dargebotenen Wissens im Lernenden Verständnis zu bilden und Selbständigkeit in der Anwendung zu fördern. Unterricht ist als „Fortpflanzung des Wissens“ zu verstehen und diesem Sinn zu erteilen.
Weil Unterricht zum Lernen führen und geistige Energie mehren soll, muss Wissen und Fertigkeit systematisch aufgebaut werden. Es müssen Kenntnis- oder Fertigkeitslücken rechtzeitig erkannt und geeignete Maßnahmen gesetzt werden, um solche Lücken zu schließen. Dazu bedarf es weder der Benotung noch der Beurteilung, sondern umfassender lernkundlicher Kenntnisse im Unterrichtenden.


Lehre


Lehre ist Unterricht durch den Schöpfer eines Wissens-, Erfahrungs- oder Kenntnisgebietes und soll die unter Unterricht dargelegten Bedingungen erfüllen. Die Verursachung (das Hervorbingen) von neuem Wissen gibt ihm kein Recht, sich über die pädagogischen Leitlinien erhaben zu wähnen.

Bildung und Ausbildung


Bildung und Ausbildung bedienen sich des systematischen Unterrichts und wirken immer auch Erziehend. Autoritärer wie mangelhafter Unterricht wirkt den Aufgaben der Erziehung zuwider und bewirkt weder Bildung noch Ausbildung, vor allem unterdrückt er die keimende Selbständigkeit.

Disziplin


Disziplin wird durch Leitsätze geschaffen, die für jeden Beteiligten einsichtig und verständlich sind. Ihre Formulierung muss daher dem Alter und Wortschatz der Beteiligten entsprechen, sodass alle am Unterricht und Lernen Beteiligten übereinkommen können, diese Leitsätze einzuhalten.
Verstöße gegen diese Leitsätze sind keine strafwürdige Handlung, sondern ein Indiz dafür, dass der Delinquent die betroffenen Leitsätze nicht kannte oder ihren wahren Sinn nicht wirklich verstand. Ethische Beratung und Unterweisung, nicht Strafe, sind die angebrachten Maßnahmen, die außerhalb des Unterrichts zu setzten sind.
Gesetze und Verordnungen, welche die Autonomie der Person des Lernenden in irgend einer Weise mindern oder ohne vorausgehende Beratung, Unterweisung oder Korrektur Strafe fordern, sollen geächtet sein.

Lernen


Lernen ist individuelle Bereicherung und deswegen mit dem Begriff der „Leistung“ unvereinbar: Lernen im wahren Sinn des Wortes ist nur in Selbstbestimmtheit möglich. Wissen und Fertigkeiten werden zum verantwortlichen, freizügigen Gebrauch erworben. Die Verpflichtung zu lernen ist weder gesetzlich noch durch erzieherische Grundsätze gerechtfertigt, sie ist eine in der Natur des Menschen ruhende, das Individuum selbst betreffende. Lernen schafft die Potenz zur Leistung, also geistige Energie.

Selbständigkeit


Da Unterricht zu Selbständigkeit im Hinblick auf die unterrichtete Sache führen soll, muss der Unterricht systematisch die Elemente gediegener Selbständigkeit aufbauen. Diese Elemente sind ein unteilbares dreiteiliges Ganzes aus ...
  • Kenntnis der Sache,
  • Beherrschung der Sache, und
  • Verantwortlichkeit für die Sache und im Anwendungsbereich der Sache.

Unterricht muss so gestaltet sein, dass er möglichst früh im Rahmen der erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten selbsttätiges Studium des Lehrstoffes einschließt bzw. dazu anleitet. Unterricht darf das eigenverantwortliche Studium (im Hinblick auf das Ziel Selbständigkeit) nicht ersetzen.

Verantwortlichkeit


Verantwortlichkeit ist die Fähigkeit und Bereitschaft, auf jede Frage zum eigene Tun und Lassen Antwort zu geben, sowie es ausreichend und befriedigend zu begründen. Sie ist auch die Bereitschaft, das eigene Tun und Lassen zu hinterfragen und bei Bedarf willentlich aus eigener Entscheidung zu handeln oder eine Handlung zu unterlassen.

Spätestens mit Eintritt der Pubertät soll jeder Heranwachsende so weit zum selbständigen Studium befähigt sein, dass große Gruppen gemeinsam unterrichtet werden können. Der Vortrag an die Gruppe behandelt die Aspekte der Anwendung und Nutzung des Lehrstoffes, seines Wertes und seiner Möglichkeiten. Die (theoretischen) Einzelheiten des Lehrstoffes sollen in individuellem Studium erarbeitet werden.

Die in Unterricht und Lehrtexten verwendete Sprache muss dem Niveau des Lernenden entsprechen. Neu im Unterricht verwendete Begriffe sollen so eingeführt werden, dass begriffliches Verständnis entsteht. Beim Lernenden darf nie ein Zweifel darüber aufkommen, dass die mit den Worten bezeichneten Wirklichkeiten das Wesentliche des Unterrichtes sind, nicht die zur Kommunikation notwendigerweise verwendeten Wörter.

Begriffliches Verständnis der Wörter ist aber Voraussetzung dafür, dass die jeweils behandelte Wirklichkeit erfasst werden kann. So weit irgend möglich wird deshalb im Unterricht die Sinneswahrnehmung der unterrichteten Dinge der verbalen Erklärung vorgezogen.

Ergebnisse


Unterricht muss grundsätzlich zwischen Lernen und Anwenden unterscheiden: Lernen ist ein Prozess, das Voranschreiten zu Wissen und Fertigkeit, während Anwendung die Fertigkeit voraussetzt. In der Phase des Lernens ist der Fortschritt in Richtung auf das Ziel wesentlich, in der Phase der Anwendung ist es die Qualität des Ergebnisses.
Das Ergebnis kann benotet und bewertet werden, der Fortschritt muss gemessen werden, um gegebenenfalls geeignete Maßnahmen zur Korrektur zu setzen. Der Pädagoge lehnt es daher ab, jungen Menschen in Form eines Zeugnisses zu bescheinigen, dass ihr Lernprozess noch nicht abgeschlossen ist.

Sofern Noten aus anderen als pädagogischen Gründen als unerlässlich angesehen werden, betreffen sie ausschließlich Ergebnisse in dem zu beurteilenden Fach. Abwertung in der fachlichen Beurteilung aus anderen als fachlichen Gründen soll als unterdrückende Handlung geächtet sein.

Benotung und Bewertung


Benotung und Bewertung von Wissen haben insofern destruktiven Charakter, als sie die Einsicht unterdrücken, dass der einzig wahre Antrieb zu lernen die Tatsache ist, etwas nicht zu können oder nicht zu wissen, beziehungsweise das eine oder andere in mangelhafter Weise. Benotung und Bewertung motivieren zu Schwindel und Betrug, wenn Konsequenzen wie Ansehen oder Rechte an sie geknüpft sind.

Pädagogik


Pädagogik hat die grundsätzliche Bestimmung, die Jugend an das gesammelte Wissensgut (einer Kultur, eines Volkes) in philosophischer, kultureller, wirtschaftlicher und technologischer Hinsicht auf eine Weise heranzuführen, dass die heranwachsende Jugend dafür Interesse entwickelt und diese Werte zumindest teilweise erleren will.

Sie hat als wesentlichsten Zweck das Fördern von Wissensdrang (d. h. des Lernens), von Vernunft, von Einsicht und Verantwortlichkeit, sowie von Kreativität als Voraussetzung dafür, dass vom Erreichten ausgehend eine Fortentwicklung bewirkt werden kann: Alles Leben ist Wandlung in die eine oder andere Richtung - zum Wachstum oder Tod; Pädagogik hat Wachstum zum Ziel, nicht Beschränkung oder Schrumpfung.

Wichtigstes Ziel in diesem Unternehmen ist das Verständnis des Einzelnen, das entfaltet und gefördert werden muss. Verständnis ist Basis der Wahrheits- und Nächstenliebe, der Liebe zum Leben, zur Natur, zur Heimat, zur Arbeit, zur Kultur u.s.f.

Pädagogik ruht daher auf philosophischen (d. h. Weisheits-liebenden), nicht auf konfessionellen, ideologischen oder politischen Grundlagen.
Allgemeiner, öffentlich verwalteter oder gebotener Unterricht soll weder in religiösen noch ideologischen, politischen oder sexuellen Bereichen instruieren.
Unterricht und Instruktion der Jugend in diesen Bereichen ist den von den Eltern beauftragten Personen, Instituten oder Gremien vorbehalten.

Kein Gesetz darf solche Institute oder Gremien verbieten oder behindern. Staatlich, religiös oder poltisch autoritär verordnete, den elterlichen Willen übergehende "Sexualerziehung" soll als unterdrückende Handlung geächtet sein.

Nachträgliche Anmerkungen


Das im modernen Lehrplan verfolgte "Kompetenzkonzept", welches von der OECD maßgeblich entwickelt wurde, bringt nachweislich die Gefahr eines sinkenden Bildungsniveaus mit sich. Das Unterrichtsgeschehen wird gleichgeschaltet und kontrollierbar, wodurch eine kreative und bedürfnisorientierte Gestaltung des Unterrichts verloren geht. Noch größer wird die Gefahr eingestuft, die Persönlichkeit der Schüler durch vorgeschriebene Denkmuster zu beeinflussen und zu manipulieren, bis hin zu vorbehaltlosen Anpassungen.

Durch die sog. NICHD-Studie* wurde schon vor Jahren deutlich: Je mehr Zeit unter Dreijährige in einer Einrichtung verbrachten, desto stärker zeigten sie später aggressive Verhaltensweisen wie Streiten, Kämpfen, Sachbeschädigungen, Prahlen, Lügen, Schikanieren, Gemeinheiten begehen, Ungehorsam oder häufiges Schreien.
*Studie des US National Institute of Child Health and Human Development (NICHD). In dieser Studie wurde die Entwicklung von mehr als 1000 Kindern vom ersten Lebensmonat an über inzwischen mehr als sieben Jahre hinweg erforscht.