Wenn Kunst versagt


Bis etwa zum Ende des Neunzehnten Jahrhunderts war Pädagogik primär von der christlichen Auffassung bestimmt, dass jedes Menschenkind auch und zuerst ein Kind Gottes sei. Es galt, dem Kind "das Wort Gottes" nahe zu bringen und es zu einer "Gott gefälligen Lebensführung" zu erziehen. Dabei war immer klar, dass ein Kind Gottes über gewisse (Menschen-) Würde verfügt.
Die Neuzeit brachte eine völlig neue Betrachtung ins Spiel. Auf der (vermeintlichen!) Grundlage der äußerst erfolgreichen Natur­wissen­­schaften wurde alles, was sich nicht nach "wissen­schaft­lichen Grund­sätzen" beweisen lässt, eliminiert.
Nimmt es einen da Wunder, dass als Erstes die "Gottes­kind­schaft" eliminiert worden ist? Mit ihr hat das Kind seine Würde verloren. Was bekam es an ihrer Stelle?
Zuerst war es eine Theorie - "Über die Entstehung der Arten" eines Dr. Darwin. Dieser Theorie zu Folge ist jede Art von existenten Lebewesen das (bislang) letzte Glied einer Kette von Zufällen, aus denen der jeweils am besten angepasste Organismus (Spezies) als Sieger hervorgegangen sei.

Wissenschaft kann nicht irren?


Erstaunlicher und interessanter Weise akzeptiert "die (natur­wissen­schaftlich orientierte) Wissenschaft" etwas als Tatsache, was nie als etwas anders als eine Theorie ausgegeben worden war. Zugegeben, sie war von vielen Beobachtungen untermauert, dennoch ist sie auch heute noch nur eine Theorie.
Von da an war es nur ein kleiner Schritt, den Menschen als "das am weitesten entwickelte Säugetier" zu verstehen. Damit (und mit der Präpotenz manches damaligen Wissenschaftlers) wurde ein Menschen­kind gewisser Maßen "automatisch" zum (tierischen) Objekt, über das ("die Wissenschaft") nach Belieben verfügen kann.
Auf recht ähnlicher Grundlage wurde die (abermals auf christlicher Grundlage) über Jahrhunderte entwickelte Psychologie (d.h. Seelen­kunde) als Nächstes eliminiert. Was sollte künftig ihre Stelle einnehmen und Aufgabe erfüllen?
Ein Dr. Wundt an der Universität Leipzig verkündete selbstbewusst seine Überzeugung, wie unsinnig es sei, von einer immateriellen "Seele" auszugehen. Für ihn zähle nur das als ernsthafte Wissenschaft, was sich (materiell) zweifelsfrei nachweisen lässt.
Unzählige Nachfolger schlugen diesen Weg ein und enteigneten den Menschen seiner Seele. Nicht nur für sich selbst, sondern für die ganze Gesellschaft wurde von ihnen die menschliche Seele abgeschafft und durch das Verhalten ersetzt.

Fatalen Folgen der Forschung am falschen Objekt


Von da an war ihnen nicht mehr individuelles Empfinden (seelisch) wichtig, sondern das mehr oder weniger angepasste Verhalten. Dieses konnte - so meinte man - unter Laborbedingungen reproduzierbare studiert werden, während der Wissenschaft der Zugang zum indi­viduellen Erleben verwehrt sei.
In der Folge wurden - vor allem in Amerika - zahlreiche psychologische Labors errichtet, in denen das Verhalten von Tieren studiert wurde, um daraus "Gesetze" für den Menschen abzuleiten. Prompt wurden alle älteren (weil "überholt",) psychologischen Lehrinhalte gegen diese modernen "Erkenntnisse" ausgetauscht. Seither ist das Kind (in der Obhut der so gebildeten Pädagogen) nicht bloß seines Menschseins beraubt, sondern auch seiner Würde: Vom Prinzip her hat man es ja "wissenschaftlich fundiert" mit einem noch nicht ausgewachsenem Säugetier, das zu "erziehen" sei, zu tun.
Nimmt es einem Wunder, dass mit Tieren entwickelte und an Tieren erprobte Methoden am Menschen versagen?
Ich stellte mir die hypothetische Frage, zu welchem Urteil ein "wissenschaftlich tätiger Affe" über uns Menschen käme, wären wir seine Untersuchungsobjekte. Und ich wunderte mich, ob solch ein Affe seine daraus resultierenden Erkenntnisse dem gesamten Nachwuchs seiner Art verordnen wollte.
Das wirklich Tragische an unserer Situation ist aber die Tatsache, dass die für die katastrophale Misere Verantwortlichen den "Fehler" nicht in ihren Methoden und deren Ausgangs-Annahmen vermuten, sondern im "unfolgsamen", "bildungsunwilligen" oder "hyperaktiven" Kind.